Abgesagt: Den Toten Namen geben: Das Kieler Dokument 55177

Kiel gehörte zu den im Zweiten Weltkrieg am stärksten bombardierten Städten Deutschlands. Aus dieser Zeit findet sich im Bestand des Kieler Stadtarchivs ein Dokument mit der Nummer 55177 – es enthält eine Liste verwalteten Grauens: In den Jahren von 1940 bis 1945 haben unbekannte Autoren in eine großformatige Kladde akribisch eingetragen, wer wann durch einen der etwa 90 Luftangriffe auf Kiel zu Tode gekommen ist: Todestag, Name, Vorname, Beruf, Geburtstag, Todesort, Wohnort, Todesursache ... und eine laufende Nummer.

In einem gemeinsamen Projekt haben die Arbeitsgruppe Kommunikationssysteme der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und das Kieler Stadtarchiv das Dokument 55177 digital erschlossen. Es soll zeigen, dass Krieg kein abstraktes Geschehen aus Opferzahlen ist, sondern in Gestalt seiner zahlreichen Opfer und ihrer Namen stets ein menschliches Antlitz hat.

Prof. Dr. Norbert Luttenberger ist Leiter des Instituts für Informatik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und betreut dessen Arbeitsgruppe für Kommunikationssysteme. Sein Vortrag stellt das gemeinsame Projekt von Universität und Stadtarchiv vor und berichtet von den Möglichkeiten der sogenannten digitalen Geschichtswissenschaft, die sich als eigener Forschungszweig etabliert hat.